Deutsch schreiben, Deutschlerner schreiben, Lesetexte
Schreibe einen Kommentar

Die Anfänge des Kinos – Was uns die Geschichte lehrt

Anfänge des Kinos

Die Anfänge des Kinos

von Miriam Turri aus Villafranca d’Asti, Italien

Eine bezaubernde und lebhafte Musik spielt, während ein Mann eine Treppe hinaufsteigt. Ein anderer sitzt gelangweilt am Ende der Treppe. Der erste Mann hält einen Kerzenleuchter hoch, weil die elektrische Energie noch nicht erfunden worden ist. Sie befinden sich in einem großen, prachtvollen Haus.
Die zwei Männer hören beunruhigende Geräusche, die aus einem Zimmer hinter einer geschlossenen Tür kommen. Dann hört man einen menschlichen Schrei, sie brechen die Tür auf und finden einen alten Mann, der stark blutet.


Plötzlich spielt die Musik lauter, es ist ein wunderschöner Allegro con brio von Wolfgang Amadeus Mozart. Die Szenen wechseln rasch, während die fabelhafte Musik spielt. Viele Männer laden den verwundeten Mann auf eine Trage und tragen ihn durch die dunkle und verschneite Nacht. Die Musik läuft ununterbrochen weiter und man sieht Leute, die in einem Schloss tanzen. Danach sieht man wieder den Verletzten, der auf einer Kutsche liegt, und man hört den Lärm der Räder, die schnell auf den Kieselsteinen drehen, bis der Wagen an einem weiten, braunen Gebäude ankommt. Am Morgen danach trifft ein Mann an diesem Ort ein, wo geisteskranke Menschen herumlaufen.

Zwei Männer in einem Haus. Der eine liegt im Bett. Er ist sehr schwach und sein Gesicht leuchtet wegen unzähliger Schweißtröpfchen. Der andere ist ein älterer, dunkel gekleideter Mann, der dem Kranken aufmerksam zuhört und rasend umschreibt, was der liegende Mann sagt. Seine braunen Augen drücken Bewunderung, Staunen und Neid aus. Streng und mitleidlos angesichts der schweren Krankheit des jüngeren Mannes, versucht der dunkle Mann, so viel und so schnell wie möglich zu schreiben, was der immer schwächer werdende Erkrankte in seinen Kopf schon klar und lebendig erschaffen hat.

Musik - Instrumente

Die Noten und die Namen der Instrumente, die der sterbende Mozart dem neidischen Salieri diktiert, werden auf dem Bildschirm zu Musik und Gesang, zu der schönsten Musik, die ein menschliches Ohr je gehört hat. Nach und nach werden sie lebendig, bis das ganzes Stück der Confutatis Maledictis den ganzen Saal erfüllt und tief in die Seelen der Zuhörer dringt.

Schnelle, sehr schnelle Szenenwechsel: Dunkelheit und Licht, leichte Geräusche und laute Musik, Ruhe und Eile. Musik, Klänge, Geräusche, menschliche Stimmen sind so aufwühlend, dass man dabei ganz vergisst, dass man in einem Kino sitzt. Man glaubt sich vielmehr in einer finsteren und kalten Nacht im Jahr 1791 in Wien.
Der Regisseur des Films „Amadeus“ aus dem Jahr 1984 ist Milos Forman und die oben genannten Männer sind sehr gute und bekannte Schauspieler, Tom Hulce und F. Murray Abraham.

Anfänge des Kinos - Film - Fernsehen - Kino - Serien

Im 20. Jahrhundert sind Themen aus der Vergangenheit sehr beliebt. Das Kino ist eine Zauberei, die uns unserer Gegenwart entreißt, um uns in andere Geschichten, an andere Orte und oft in andere Zeiten zu befördern.
Aber was würden wir einem Menschen aus der Zukunft antworten, wenn dieser uns sagte, dass unsere heutige Technologie, unsere Filmtechnik im Vergleich zur Filmtechnologie zukünftiger Zeiten nur kindische und naive Mittel seien? Es würde sich für uns sicherlich erstaunlich, enttäuschend und sogar beleidigend anfühlen.
Das sollten wir bedenken, wenn wir von unserem heutigen Standpunkt aus die ersten Schritte des Kinos betrachten. Wenn wir die zitterigen und gräulichen Bilder des 19. Jahrhunderts sehen, könnten wir in die Versuchung geraten, diese als bedeutungslos, naiv und uninteressant zu beurteilen. Aber waren sie wirklich so, wie mein kinobegeistertes Kind im Alter von 15 Jahren sie bezeichnet hat?

Nein, wir sollten diese ersten kinematografischen Versuche ganz und gar nicht verachten, sondern wir müssen demütig sein und anerkennen, wie diese anscheinend kleinen, uninteressanten Aneinanderreihungen von Studien und Versuchen zum heutigen Wunder unserer Filmkunst geführt haben. Heute gäbe es weder „Amadeus“ noch „Harry Potter“, wenn die Menschen der Vergangenheit jene uns heute einfach und naiv erscheinenden Experimente nicht durchgeführt hätten.
Zweifellos bewegen die besten Filme starke Gefühle in uns. Sie erwecken und regen unsere tiefsten Emotionen an und wir erleben sie als etwas Spannendes und Bereicherndes.
Alte, einfache Bilder anzuschauen ist sicherlich nicht so begeisternd, doch wir dürfen demgegenüber nicht hochmütig sein, denn ohne Vater gibt es auch kein Kind.

Geschichte lernen lehrt uns vieles. So lernen wir, nachdenklicher und demütiger zu werden, indem wir annehmen, dass was wir heute sind oder haben, aus der Vergangenheit entstammt. Es führt uns dazu, darüber nachzudenken, dass wir keine bessere Menschen, Künstler oder Wissenschaftler sind, doch nur Menschen, Künstler und Wissenschaftler, die die Entdeckungen und Ideen unserer Vorfahren erweitern. Ohne sie wären wir heute nicht so weit gekommen. Nur mit Bescheidenheit und Respekt können wir wirklich schätzen, was uns geschenkt worden ist. Und diesen Menschen der Vergangenheit müssen wir dankbar dafür sein, dass sie den Mut gehabt haben, von ihren Mitmenschen manchmal für zeitverschwenderisch, kindisch oder lächerlich gehalten zu werden.

Miriam Turri lebt in dem Dorf Villafranca D’Asti im Piemont, eine Region im Nordwesten Italiens in der Nähe von Turin. Sie hat ganz allein Deutsch gelernt, mit Büchern und im Internet.

Ein Text aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben.

Hier lest ihr noch mehr Texte von Miriam Turri.

Hier kannst du diesen Beitrag teilen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.