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Seine Augen – von Edyta aus Lublin, Polen

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Seine Augen

Es war schon Morgen, als er ihr Haus verließ. Sie dachte ständig an seine Hände und an die letzte Nacht. Sie trafen sich immer in der Nacht. Das war der Moment ihres Geheimnisses, wenn niemand sie sehen konnte. In dieser Zeit konnten sie also ehrlich und aufrichtig sein, denn sie waren allein. Anna erinnerte sich an jede Einzelheit, an ihr Gespräch, an seine Augen. Er hatte außergewöhnliche Augen. Man sagt, dass man das Innere des Menschen in den Augen sehen könne, und sie wusste, dass dies richtig war.
Sehr schnell näherte sie sich dem Fenster, sie musste ihn noch einmal  sehen. Und so stand sie also allein am Fenster, so lange, bis er in der Ferne verschwand.

Dann folgte für sie die Zeit der Einsamkeit. Die Treffen mit ihm machten ihr immer viel Spaß. Es waren die Augenblicke der Freude, aber wenn sie zur schweren Realität zurückkehrte, musste sie die süßen Nächte vergessen, denn die Wirklichkeit war kein Märchen und er war kein Prinz im Körper eines Frosches, aber der Mensch, der für sie die ganze Welt bedeutete.

„Er ist erst 10 Minuten weg. Was ist los mit mir?“, dachte sie und fühlte sich so einsam, dass ihr Herz kurz davor stand, zu explodieren. Dunkle Gedanken kreisten in ihrem Kopf wie Kakerlaken – es war unmöglich sie zu zerstören. Sie konnte nur eins machen: vor den eigenen Gedanken fliehen. Das war der Grund dafür, dass sie so viel arbeitete, die Arbeit war ihre Idylle und die Flucht vor der grauen Wirklichkeit.
Anna hatte viele Pflichten, also begann sie sehr schnell, diesen nachzukommen. Manchmal arbeitete sie zu Hause und konnte ihre Arbeit selbst planen. Zum Glück lagen an diesem Tag viele Papiere, die ihre Beachtung und Aufmerksamkeit erforderten, auf ihrem Schreibtisch. Viel Arbeit bedeutete, dass sie keine Zeit hatte, an ihre Probleme zu denken, und das war ihr Hauptziel – den Gedanken zu entfliehen. Der Zweck wurde erreicht: Die Zeit verflog und Anna schaltete ihre Gedanken ab.

Die Atmosphäre der Arbeit wurde durch das Klingeln des Telefons gestört, aber Anna wollte nicht mit den anderen sprechen. Seit zwei Wochen verbrachte sie ihre Freizeit ausschließlich zu Hause. Sie wollte sich nicht mit den sogenannten Freunden treffen. Die einsame Frau brauchte diese Freunde nicht. „Ich kann ohne Hilfe auskommen und allein zurechtkommen“ sagte sie sich, aber das Klingeln des Telefons wurde immer lauter und es ging ihr auf die Nerven, so dass sie am Ende doch den Hörer abhob.

„Hallo! Anna? Was ist los mit dir? Du musst mit uns die Party im Café Liebe besuchen. Wir treffen uns in zwei Stunden dort. Ich will keine Fragen oder Klagen hören! Wir werden auf dich warten. Tschüs!“. Das war kein Gespräch, sondern eine Durchsage. „Was bedeutet dieses Verhalten? Ich kann meine Entscheidungen allein treffen, und niemand hat mir zu sagen, was ich tun soll! Das ist empörend!“ sagte sie im Ärger, aber zwei Stunden später saß sie im Café Liebe. „Natürlich, es ist unmöglich, das ganze Leben hinter einer Fassade zu verbringen“.

Der Abend sah gar nicht so übel aus, wie sie gedacht hatte. Es war zeitweise sogar sehr lustig und spannend. Anna hatte viel Spaß dort, denn sie vergaß ihren Kummer und dieses Treffen erinnerte sie an das normale Leben, das sie früher führte. „Früher“, also bevor sie ihn traf. Er hatte alles verändert.
Die Party war ungewöhnlich! Es war das erste Mal seit so langer Zeit, dass Anna sich entspannte. Sie fühlte sich ganz normal, tanzte wie ein kleines Mädchen und alle schlechten Gedanken verschwanden. In diesem Augenblick schien das Leben so schön zu sein, aber plötzlich sah sie etwas, das ihre gute Stimmung zerstörte.
Er stand auf der Tanzfläche. Aber er war nicht allein. Seine Augen schauten eine andere Frau an. Anna wusste das. Die Existenz dieser anderen Frau war kein Geheimnis, trotzdem war sie überrascht. Anna hatte sehr oft an ihn und diese Frau gedacht, aber sie hatte sich nicht vorstellen können, dass es so großen Einfluss auf sie und ihr Verhalten haben würde. Sie stand auf der Tanzfläche, unter Schock, und wusste nicht, wie viel Zeit sie dort verbrachte, aber für sie dauerte das eine ganze Ewigkeit.

Plötzlich lief sie aus dem Café. Sie war so erschöpft vom Leben, von ihrer hoffnungslosen Liebe, dass sie in Tränen ausbrach. Ihr Schluchzen war riesig, aber erholsam. Das war eine verwirrende Situation: Sie litt, während er eine sehr gute Zeit mit seiner Freundin hatte. „Wie lange kann ich auf diese Art und Weise leben?“ fragte Anna sich selbst. Aber es war ihr unmöglich diese Frage zu beantworten. Sie war völlig durcheinander und hatte keine Ahnung, was sie machen sollte.
In diesem Moment stand sie an einer Kreuzung. „Wohin soll ich gehen?“ fragte sie sich. Im ersten Augenblick wollte sie auf die Party zurückkehren und mit ihm sprechen, aber plötzlich blieb sie stehen und wählte einen anderen Weg. „Nein! Ich werde nicht um seine Liebe betteln! Wir sind wie Tag und Nacht, und das hat keinen Sinn!“ Das war die wichtigste Entscheidung ihres Lebens und sie wollte auf ihrem Weg nicht mehr stolpern. Anna wollte unabhängig und frei sein. Unterwegs dachte sie daran, wovon sie eigentlich träumte. Sie wollte so viele Dinge tun, so viele Ziele verwirklichen, und er wusste von alldem nichts. Es interessierte ihn nicht, dass sie sich ständig weiterentwickeln, mehr verreisen oder eine große Familie gründen wollte. Er konnte sie nur ihrer Träume berauben, also musste sie ihn meiden.

Es war sehr spät, als sie nach Hause kam. Sie war traurig, aber sie wusste, dass ihre Entscheidung richtig war. In diesem Moment war er ihr so fremd, dass sie sich ganz frei fühlte.
Als sie ihr Zimmer betrat, sah sie etwas auf dem Bett. Im Dunkeln konnte Anna nicht so deutlich sehen, was es war, daher trat sie näher heran. Auf dem Bett lag eine schöne rote Rose. Ihr Duft war so intensiv, dass sie wie eine Droge auf Anna wirkte. Im Dunkel der Nacht sah sie auch etwas anderes: Sie sah ein Augenpaar, das sie von Kopf bis Fuß betrachtete. Das Paar der süßen, tiefen, seligen Augen…

DLS_Edyta_Lublin_PolenEdyta lebt in der polnischen Stadt Lublin. Dort studiert sie an der Universität Angewandte Linguistik.

Texte von Edyta aus Lublin, Polen
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