Deutschlerner schreiben, Lesetexte
Kommentare 3

Das Stövchen – Eine Geschichte über Abwarten und Teetrinken von Jameel Juratly

Ein Text aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben von Jameel Juratly

Jameel Juratly stammt aus Homs in Syrien. Seit Oktober 2015 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. In seinen Geschichten erzählt er von seinen Erlebnissen und Erinnerungen, von Flucht und Exil.
Jameel arbeitet seit einiger Zeit als Koordinator des Migranten-Eltern-Netzwerks Niedersachsen am Standort Oldenburg.

Das Stövchen

Kürzlich habe ich bei der Stadt Oldenburg eine Bewerbung eingereicht. Sie baten mich zu warten, bis sie bei der Stadt keinen Internen gefunden haben, der sich bewirbt!

Na ja, ich sollte also abwarten und Tee trinken.

Aber welche Teesorten sollte ich trinken, um eine Einladung zum Vorstellungsgespräch zu bekommen? Kräutertee, Rosmarintee, Johanniskrauttee, Passionsblume, Kamille, Fenchel, Pfefferminze oder Ingwertee?

Von welchen Sorten sollte ich besser die Finger lassen, wenn ich ein Vorstellungsgespräch bekommen möchte? Ist der Schwarze hemmend, fördert Grüner die Chancen? Welche speziellen Teesorten können gegen Feigheit helfen?

Welche Tees kann ich in der Wartezeit trinken, um Nieren und Blase ein wenig zu beruhigen?
Wie viele Tassen Tee pro Tag von Melisse, Hagebutte und Lavendel entspannen und helfen gegen innere Unruhe und Nervosität?

Ob ein Tee lecker schmeckt, hängt oft davon ab, ob die Teeblätter vergoren worden sind. Aber was mache ich mit der Unruhe, die in meiner Seele gärt?

Ist Umrühren förderlich? Darf man in der eigenen Unruhe herumrühren? Ich versuche, nicht in meiner Unruhe zu rühren, weil ich gelernt habe, dass die Ostfriesen den Tee nicht umrühren dürfen, um den Kandiszucker unten und die Sahne oben nicht zu vermischen.

Gut Ding will Weile haben. Wenn etwas gut werden soll, braucht es seine Zeit.

Ostfriesen gelten als gemütlich und bedächtig, sie denken in Ruhe über alles nach, bevor sie handeln. So werde ich, bis ich eine Antwort auf die Bewerbung erhalte, die besondere Ostfriesen Teezeremonie pflegen.

Ich habe die geeigneten Teetassen, die Teekanne, den Sahnelöffel, den Kandiszucker. Mir fehlt nur das Stövchen. Ist ein Stövchen entscheidend bei meiner Bewerbung um eine Stelle bei der Stadt?


<< Jameel Juratly: “Heimat der Erinnerung – Heimat der Träume”

Jameel Juratly: Tatort Parkplatz – Wer ist der Täter? >>

Lust auf mehr?

Hier lest ihr alle Texte von Jameel Juratly.

Alle Texte aus der Reihe „Deutschlerner aus aller Welt schreiben“

3 Kommentare

  1. Johanna Jung sagt

    Jaamel Juratly zeigt einen ganz wunderbar feinen Humor in seiner kleinen Geschichte vom Abwarten und Tee trinken.
    Und wie traurig…dass er nicht zu den „Internen“ zählt, obwohl er über norddeutsch-oldenburgische Heimatbräuche bestens Bescheid weiß!
    Meine Warnung: Nicht ZU viel vom Ostfriesen-Tee trinken! Der macht – wie man aus diversen Witzen erfährt- nicht klüger.

    • Josef Wegener sagt

      Moin, liebe Johanna Jung! Was die Geschichte(n) von Jameel Juratly betrifft, so stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu, er erzählt sehr berührend und auf sprachlich hohem Niveau.

      Meine Meinung zu Ihrer Warnung: Es ist nicht ein Zuviel vom Tee, das nicht klüger macht, sondern eindeutig ein Zuviel an dummen Ostfriesenwitzen. Auf deren Inhalt ist nämlich keineswegs Verlass! Glauben Sie mir, ich lebe unter lauter Ostfriesen, deren Mehrheit durchaus klug ist! Manche sind sogar klüger. Doch das wissen Sie bestimmt.

      Alles Gute

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.