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Heimat der Erinnerung – Heimat der Träume | von Jameel Juratly

Ein Text aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben von Jameel Juratly

Jameel Juratly ist 52 Jahre alt und stammt aus Homs in Syrien. Seit Oktober 2015 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. In seinen Geschichten erzählt er von seinen Erlebnissen und Erinnerungen, von Flucht und Exil.

Schmerzhaft ist es, in einem sauberen und schönen Restaurant mit atemberaubender Aussicht zu sitzen und köstliche Gerichte und Speisen zu probieren, die wir in unserem ganzen Leben noch nicht gegessen haben, und uns dann plötzlich zu erinnern, an die Bohnen- und Kichererbsen in Homs oder Damaskus.

Jameel Juratly

Heimat der Erinnerung – Heimat der Träume

Wie die Schwalben jedes Jahr wieder den Flug in den Süden antreten, den ihre Familienangehörigen und Vorfahren schon seit Generationen auf sich nehmen, so gehen meine Gedanken und meine Sehnsüchte immer wieder dorthin zurück, nach Syrien, genau dahin, wo unser Haus gestanden hat. Wo unsere Kinder gespielt haben, der alte Mann auf seinem Balkon gestanden hat.

Die Reise der Schwalben symbolisiert unsere Hoffnung und die Sehnsucht nach einer baldigen Rückkehr. Die Schwalben wie auch die Menschen suchen nach Wärme und Geborgenheit, spüren die Sehnsucht nach der Heimat und nach all den geliebten Menschen. Zugvögel haben zwei Zuhause, so wie wir auch.

Als wir nach Deutschland gekommen sind, haben wir ein Haus gemietet. Dort gab es oben unter dem Dach zwei Schwalbennester. Das Zimmer darunter war mein Zimmer. In den ersten Jahren haben wirklich noch Schwalben darin gebrütet. Aber schon bald nicht mehr, denn in unserem Oldenburg gibt es mittlerweile kaum noch Schwalben. Es gibt viel weniger Insekten, die Schwalben sind hier bedroht, von der leisen, sauberen Zivilisation, nicht vom Krieg.

Die Schwalben mögen die Menschen, sie suchen deren Nähe. Es gibt aber kaum noch heile Häuser in Homs, an denen sie ihre Nester bauen könnten. Wie sollen die Schwalben die Zeit dort überstehen?

Leben im Kriegsgebiet und Flucht nach Deutschland

Zu Beginn des Krieges in Syrien war unsere Stadt Homs in drei Sektoren unterteilt. Der südliche Teil der Stadt wurde von einer Mehrheit der Religionsgruppe bewohnt, zu der auch die Regierung gehörte, während der nördliche Teil überwiegend sunnitisch war. Aber in der Mitte, in der Pufferzone zwischen diesen beiden Sektoren, befand sich eine Mischung aus vielen Religionen und Religionsgruppen. Wir lebten also in einem gemischten Gebiet, das alle religiösen Strömungen und Ethnien umfasste.

Es war unser Unglück, in dieser Gegend zwischen den beiden kriegführenden Parteien zu leben. Wir mussten einiges lernen und einen neuen Lebensstil entwickeln. Vor allem mussten wir aber lernen, den Geschossen der Scharfschützen zu entkommen, um sicher von einem Tagesausflug nach Hause zurückzukehren. In Syrien hatten wir ständig vor vielen Dingen Angst. Es war ein Gefühl, das immer da war.

Im Jahr 2012 wurde alles schlimmer. Die Kinder hatten keine Schule mehr. Es gab keinen Strom. Unser Leben war nicht mehr sicher und wir mussten fliehen und Homs, unsere Heimat, zurücklassen. Im März 2013 beschlossen wir, in das Dorf meiner Schwiegermutter zu fliehen. Es liegt 50 km von Homs entfernt. Der Fluchtweg von Homs war sehr gefährlich, die Straßen waren mit den Überresten von zerstörten Bussen und Fahrzeugen gesäumt und überall lauerten Scharfschützen.

Am 20. April 2013 wurde unser Haus in Homs zerstört.

In einer Nacht und Nebel-Aktion brachte ich meine Familie im Oktober 2015 nach Deutschland. Zum Glück hatten wir von Herrn Albrecht Biedl eine Einladung nach Deutschland bekommen. Dieser wunderbare Mensch hatte zuvor eine Bürgschaft für uns übernommen. Eine solche Solidarität und Menschlichkeit hatten wir nicht erwartet.

Neuanfang in Oldenburg

In dieser Atmosphäre und der neuen Umgebung erfanden meine Kinder ein syrisches Oldenburg, ein Stück Heimat an einem fernen und unbekannten Ort.

„Wir sind kein Niemand“, sagte mein elfjähriger Sohn Ammar, als er versuchte dieses syrische Oldenburg zu erfinden. Seine Erfindung schien eine verlockende Erfahrung für ihn zu sein. Die Wände am Eingang unserer Wohnung waren geziert von Kinderzeichnungen und den Fotos, welche meine Frau mitgebracht hatte.

Das Telefon klingelte nicht. Neue Menschen kennenzulernen war nicht so leicht, wie wir es uns vorgestellt hatten. Das Leben in Deutschland war für uns kein Zuckerschlecken und kein Ponyhof. Es gab viele Schwierigkeiten. Zu Beginn wurde mein 11-jähriger Sohn in der Schule oft gemobbt. Sein Fahrrad wurde beschädigt und seine Bücher wurden gestohlen.

Er war kein Kind mehr, seit er sein Zuhause, seine Freunde in Syrien und sein Spielzeug verlassen hatte. Er sagte mir einmal, wenn Leute „Flüchtling“ sagen, dann denken sie immer nur an das Negative. Die Angriffe von den rechtspopulistischen Leuten ließen uns völlig niedergeschlagen zurück. Man stellte uns an den Pranger. Auch wenn die Taten einzelner Flüchtlinge jetzt den Anlass zu Sorge und heftiger politischer Diskussion bieten, so kann man nicht alle Menschen dafür verantwortlich machen, die aus der Kriegsregion geflohen sind, um sich und ihre Familie zu retten. Das sehen auch viele Menschen in Deutschland so, obwohl immer wieder großes Geschrei aus der rechtspopulistischen Ecke erschallt.

Auch die Sprache war und ist eine große Herausforderung. Wie Sancho Panza und Don Quijote gegen Windmühlen kämpften, kämpfen wir bis heute mit dieser schwierigen Sprache.

Bittersüße Heimatgefühle: Heimat der Erinnerung – Heimat der Träume

Schmerzhaft ist es, in einem sauberen und schönen Restaurant mit atemberaubender Aussicht zu sitzen und köstliche Gerichte und Speisen zu probieren, die wir in unserem ganzen Leben noch nicht gegessen haben, und uns dann plötzlich zu erinnern, an die Bohnen- und Kichererbsen in Homs oder Damaskus.

Seltsam ist die Erinnerung. Was haben diese Heimatländer an sich, dass wir mit Sehnsucht, Traurigkeit und Erinnerungen überfordert und belastet sind?
Was mach Heimat mit uns? Wir hatten dort so viel Hunger erlebt, Obdachlosigkeit, verlorene oder zerbrochene Träume, Demütigung, Angst, Terror, Armut, Folter, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Warum diese Nostalgie?

Was haben diese Heimatländer mit uns gemacht? Was haben sie uns außer Demütigung, Schwermut, Schmerz, Traurigkeit, Armut und Angst gegeben?
Trotz allem, was sie uns angetan haben, haben wir Sehnsucht nach dieser Heimat. Sind wir Psychopathen, die eine Armee von Ärzten brauchen, um all diese Krankheiten und Sehnsüchte zu behandeln? Aber wie können wir diesen Spezialisten und Ärzten erklären, dass uns diese Heimatländer und diese Erinnerungen wichtig sind? Wie erklären wir diesen Widerspruch, dass wir unsere geistige Heimat, unsere neuen Träume und Ziele hier gefunden haben?

Es gibt unsere wirkliche Heimat: die Heimat der Erinnerung. Und es gibt die Heimat der Träume. Unsere Traum-Heimat ist Deutschland.

Der Kampf zwischen Herz und Verstand hält ewig an. Wie schmerzhaft und seltsam es ist, wenn man Sehnsucht nach sich selbst hat! Wir haben Sehnsucht nach Recht, Freiheit, und Geborgenheit, Sehnsucht nach der Wirklichkeit! Wir haben keine Sehnsucht mehr nach unserer jetzigen Heimat, wir haben Sehnsucht nach den Erinnerungen, nach der Vergangenheit.

Aber genau diese Heimat ist leider nicht mehr existent, denn wie Heraklit gesagt hatte:

„Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu.“

Aber wir können unsere Heimat der Erinnerung an den Grenzen und am ersten Flughafen nicht hinter uns lassen.

Unser Lachen, unsere Geschichten und Erinnerungen fließen von den Räumen über die Haustüren auf die Straße und überschwemmen die ganze Welt.


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