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Der endlose Kampf gegen meine Tagträume – von Miriam Turri aus Italien

Tagträume - MDD - maladaptive daydreaming disorder

Der endlose Kampf gegen meine Tagträume

Ich habe gelesen und gehört: „Gedanken sind wirkende Kräfte“ und „wer seine Gedanken steuern kann, kann auch seine Lebensprojekte verwirklichen.“

Das ist für mich ein riesiges Problem: Gedanken steuern. Meine stürmischen, abstrakten, sinnlosen Gedanken kontrollieren? Das schien mir unmöglich, doch als ich auf der Arbeit schwere Fehler machte, wirklich totalen Mist baute, verstand ich, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ich musste etwas dagegen tun, aber meine Willenskraft war zu schwach oder meine Träumereien zu stark, vielleicht aber auch beides.


Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich mit der Träumerei aufhören wollte. Ich stellte nur in jedem Augenblick fest, dass ich traumsüchtig war. Ja, existiert dieses Wort überhaupt? Aber das ist genau das, was ich meine.
Ich wollte aufhören, mein Leben zu boykottieren. Ich wusste, dass meine Träumereien mir nichts als Ärger bringen würden, doch ich wollte mich davon nicht wirklich verabschieden. Ich durchsuchte das Web, bis ich Artikel und Beiträge in Foren fand, die von Fällen berichteten, in denen die Betroffenen Gefangene ihrer Fantasie waren. Ich war geschockt, doch zugleich erleichtert, dass irgendwo jemand anderes meine Gefühle, meine Probleme erlebte und sie verstehen konnte. Ich war nicht die einzige… ich war nicht allein.

Ich war aufgeregt und glücklich. Ich konnte kaum glauben, dass Menschen da waren, denen es so ging wie mir. Ich fühlte mich nicht mehr irre, einsam, dumm und nutzlos. Ich konnte jetzt diese Sache als etwas betrachten, das einen Name und einen Sinn hatte: MDD (Maladaptive Daydreaming Disorder).

Ich hatte große Mühe, meine Gedanken von meinen Träumereien abzulenken und sie auf die Realität zu fokussieren. Oft versagte ich dabei, manchmal gelang es mir.

Am Ende habe ich es geschafft, konzentrierter zu werden, doch hinter jeder Ecke lauert ein Rückfall. Es ist in der Tat auch schon ein paar Mal geschehen.

Wie habe ich das gemacht? Habe ich wirklich meine Träumereien besiegt oder ist das pure Illusion? Werden sie mich wieder erfassen, um ihre Macht über mich zu demonstrieren? Ich glaube, ich spüre in meinem Inneren, dass ich nur eine Schlacht gewonnen habe, doch der Krieg wird noch sehr lang sein. Ein Krieg gegen mein verrücktes Gehirn, ein Krieg gegen mich selbst, ein Krieg, der nur mit meinem Tod enden wird.

Aber jetzt bin ich bewaffnet, ich lenke meine Gedanken besser als früher, dank Motivationstraining, Lifecoaching und großer Mühe. Es ist anstrengend, doch das Leben ist niemals leicht. Das habe ich ganz richtig verstanden.

Miriam Turri lebt in dem Dorf Villafranca D’Asti im Piemont, eine Region im Nordwesten Italiens in der Nähe von Turin. Sie hat ganz allein Deutsch gelernt, mit Büchern und im Internet.

Ein Text aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben.

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