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Briefkästen – Eine Geschichte über Flucht und Exil von Jameel Juratly

Ein Text aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben von Jameel Juratly

Jameel Juratly ist 52 Jahre alt und stammt aus Homs in Syrien. Seit Oktober 2015 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. In seinen Geschichten erzählt er von seinen Erlebnissen und Erinnerungen, von Flucht und Exil.

Briefkästen

Ich möchte keinen Hehl daraus machen, dass auch heute noch die Ziele des syrischen Geheimdienstnetzwerks, die Gesellschaft zu überwachen, denen der Stasi in der DDR entsprechen.

Dadurch entstand innerhalb Syriens überall eine Atmosphäre der Angst und Kontrolle. Angst vor Verhaftungen gehörte zum Alltag. Das Zeichen für die Ankunft der Geheimdienstleute ist das Geräusch von Autotüren, die nachts zugeschlagen werden. Immer war da meine Angst beim lauten Zuknallen einer Autotür, dass der Geheimdienst kommt, um mich zu holen…

Nachdem ich nach Deutschland gekommen war, brauchte ich eine lange Zeit, um das Gefühl der Angst loszuwerden, wenn ich nachts das laute Knallen einer Autotür hörte. Aber hier kam jetzt ein anderes nervenaufreibendes Geräusch in meine Albträume: das Geräusch, wenn der Briefträger am Briefkasten klappert.

In Syrien war mein innerer Briefkasten gefüllt mit Warnbriefen. Ein Wort über die Regierung zu sagen, bedeutete Kopf und Kragen zu riskieren. Es gab innere Briefe von Familie und Gesellschaft, die sorgfältig gelesen werden mussten.

In Deutschland habe ich versucht, meinen inneren Briefkasten zu leeren. Aus meinen inneren Briefen falte ich Papierflugzeuge, aus den bösen Vorschriften mache ich Vögel, die fliegen und die Freiheit genießen können.

Doch wenn es ein Thema gibt, das alle Syrer in Deutschland eint, dann sind es Ärger und Ängste durch die nervenaufreibenden Briefkästen. Täglich quillt unser Briefkasten über, wir ertrinken in einer Flut von Briefen, die man nicht vernachlässigen darf.

Bei uns klappert der Briefkasten gleich dreimal am Tag. Wenn die Briefe hineingeworfen werden und die Klappe wieder herunterfällt, klappert es mit einem lauten Geräusch. Dann wage ich mich zaghaft hinaus und öffne den Kasten mit unruhig klopfendem Herzen.

Auf einem Tisch voller Wörterbücher und Synonym-Lexika sortiere ich die Briefhaufen normalerweise erst nach Gefährlichkeit und dann nach Wichtigkeit. Manche Briefe, etwa von Behörden, sind so wichtig, dass ich sofort darauf reagieren muss, auch bei Kündigungen oder bei Briefen mit Fristen. Auch herrscht zwischen uns und der ARD keine Funkstille, immer bekommen wir Briefe von der GEZ mit einer Aufforderung zur Zahlung. Und so viele Absagebriefe, die mit „wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen“ anfangen, wobei ich nicht weiß, ob sie es wirklich bedauern. Oder Briefe, die mit „wir bitten um Ihr Verständnis“ enden. Oh bitteschön, ich verstehe so einen Brief nicht, bei mir fällt der Groschen pfennigweise. Briefe von Schulen, dass sie von uns Geld haben wollen, Elternabend-Briefe, ein Fragebogen von der Krankenversicherung, Briefe vom Finanzamt, die mit hölzernen Worten geschrieben sind. Private Postkartengrüße, die mit gruseliger Handschrift auf der Rückseite beschrieben sind, konnten wir gar nicht erst entziffern.

Immer versuche ich zu verstehen, was sie von mir wollen, ich keuche nach jedem Satz. Alle EHREN mich und beenden ihre mysteriösen und komplizierten Briefe mit freundlichen Grüßen!

Der Briefkasten, der wie ein Schwalbennest an unsere Hauswand geklebt ist, bringt uns kein Glück, sondern ist oft ein Übel. Ich wundere mich nicht mehr, wenn ich selbst nachts im Schlaf Brief-Albträume bekomme.
Wenn meine Frau den Kummerkasten (wie sie ihn nennt) öffnet, zieht sie ein Gesicht, als ob sie einen Schluck Essig im Mund hätte, und wiederholt immer ihren Rat: „Lass uns ein vierblättriges Kleeblatt oder ein Hufeisen an den Kummerkasten kleben.“

So werden meine Gedanken von Klappern und Knallen begleitet.
Was mache ich mit all dem, das immer in meine Seele fällt?


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1 Kommentare

  1. jameel sagt

    Vielen Dank!
    So mit solchem großen “Kladderadatsch” fallen die Gedanken in meine Seele.

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