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Das Wünsche erfüllende Elixier – Märchen für Deutschlerner ab C1

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Märchen für Deutschlerner: Das Wünsche erfüllende Elixier

Herzlichen Dank an Charlotta, die uns inspirierte

„Wilhelm, wahrscheinlich vermutest du, warum ich dich rufen ließ“, sagte ein molliger, kahlköpfiger Mönch. „Ich ahne es“, antwortete der junge Mann. „Du bist der tapferste Ritter, der bis jetzt im Mittelalter lebte. Ich habe eine Mission für dich. Prinzessin Brunhilde stach sich mit der Spindel in ihren Finger und deswegen fiel sie ins Koma. Sie schläft seit zwei Monaten ununterbrochen und niemand weiß, wie sie zu wecken ist. Würdest du das Rätsel lösen?“ „Ja“, stimmte der Jüngling mit Nachdruck zu. „Du musst dir bewusst sein, dass dich eine schwere Expedition erwartet. Am Anfang musst du die alte Morla, die sehr klug ist, finden. Die Frau wohnt in dem Land, wo ständig Winter herrscht. Es gibt noch etwas, das du wissen musst: Die alte Morla ist ganz taub“, warnte der Mönch. „Trotzdem übernehme ich es, diese Aufgabe zu lösen“ antwortete Wilhelm. „Ich glaube fest, dass du mit der Aufgabe zurechtkommst.“ Mit diesen Worten brachte der Mönch das Gespräch zu Ende.

Nach dem Gespräch machte sich Wilhelm auf den Weg. Der Ritter wanderte sieben Tage und sieben Nächte lang, bis er endlich zu dem Land des ewigen Frostes vordrang. In der Mitte eines schneebedeckten Hofes stand eine kleine, hölzerne Hütte. Der Ritter klopfte nicht an die Tür, weil er ja wusste, dass die alte Morla taub war. Stattdessen ging er sofort hinein. Das Haus war warm und war angenehm und gemütlich eingerichtet. Auf einem Stuhl am Tisch saß eine kleine und alte Frau, die Tee trank. Sie hatte nicht gehört, dass er eingetreten war. Wilhelm kam der Hausbewohnerin näher und erst da sah der Ritter, wie alt sie war. Er dachte, dass die Frau mindestens 100 Jahre alt war! Als die Greisin ihn endlich bemerkte, war sie überhaupt nicht erschrocken,  sondern ruhig. Sie lächelte sogar. „Guten Abend!“ grüßte der Mann. „Ich kam, weil ich einen Ratschlag brauche.“ Morla reagierte jedoch nicht auf seine Worte. Am Anfang hatte Wilhelm keine Ahnung, was er machen sollte. Er war jedoch schlau wie ein Fuchs, deshalb fand er schnell die Lösung des Problems. Er nahm einen Zettel, der auf dem Tisch lag, zog eine Gänsefeder hervor und fing an zu schreiben. Als er damit fertig war, gab er Morla die Nachricht. „Das ist einfach“, antwortete sie, „Sie müssen sich zum Rotkäppchen begeben. Es ist jung und hat viele Bekannte. Wahrscheinlich wird es Ihnen irgendwie helfen. Das Rotkäppchen lebt hinter den Bergen und hinter den Wäldern, deshalb müssen Sie sich so schnell wie möglich auf den Weg machen“, sagte die alte Morla mit heiserer Stimme (weil sie seit langem mit niemandem gesprochen hatte). Wilhelm dankte ihr mit einer Verbeugung für die Hilfe und begann den weiteren Teil seiner Wanderung.

Der Ritter wanderte wieder sieben Tage und sieben Nächte, bis er endlich in einen Wald kam. Dort bemerkte er ein Mädchen, das einen roten Mantel mit Kapuze trug. Der Mann war ganz sicher, dass es die von ihm gesuchte Person war. „Guten Tag, ich heiße Wilhelm“, stellte er sich vor. „Entschuldigen Sie, aber meine Mutter verbat mir, mich mit Fremden zu unterhalten“, sagte das Mädchen. „Ich wurde von der alten Morla zu dir geschickt“ erzählte der Ritter. „Ach so, das ändert jetzt alles. Also höre ich Ihnen zu. Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte das Rotkäppchen. Wilhelm fasste die Geschichte von der Prinzessin Brunhilde zusammen. Das Mädchen war bekümmert. Einen Augenblick lang durchdachte es etwas und dann flüsterte es: „Warten Sie bitte noch ein bisschen, ich muss mit meiner Freundin telefonieren“. Dann holte es ihr Handy hervor und wählte eine Telefonnummer. „Hallo, Aschenputtel! Hier ist Rotkäppchen. Ich habe ein Anliegen…“ Nach fünf Minuten endete die Unterhaltung und es sagte zu dem Ritter: „Sie müssen sich zu Schneewittchen begeben. Sie hatte einmal ein ähnliches Problem. Sie lebt mit sieben Zwergen hinter diesem Wald.“ Wilhelm dankte ihr für diesen Rat, nahm Abschied von dem Mädchen und setzte seine Reise fort.

Schneewittchen war ein junges und schönes Mädchen mit papierenem Teint. Es hatte lange, schwarze Haare und blutrote Lippen. Die Frau wartete vor der Tür auf Wilhelm, weil die Zwerge in der Hütte Kleingebäck backten und viel Lärm dabei machten. Das Schneewittchen sagte sofort: „Du must den Doktor Ulrich aufsuchen. Er ist der Spezialist auf dem Gebiet der giftigen Substanzen“ riet es, aber warnte auch: „Du musst dir jedoch bewusst sein, dass er ein alter Sonderling ist. Außerdem ist der Weg zu seinem Institut sehr beschwerlich.“

Das Mädchen hatte recht. Der Weg war sehr schwer zurückzulegen. Der Ritter musste eine Wüste und ein Moor durchqueren und ein Duell mit einem riesigen Raben austragen. Nach 47 Tagen traf er endlich auf der Anhöhe, wo das Institut war, ein. Wilhelm war erschöpft. Außerdem erwies sich als wahr, dass Doktor Ulrich sehr sonderbar war. Als der Ritter das Arbeitszimmer betrat, spielte Ulrich auf der Querflöte. Er war ein kleiner, schlanker Greis, der einen weißen Kittel trug. Als er den stattlichen Ritter bemerkte, versteckte er sich aus Angst im Schrank. Wilhelm brauchte fünf Stunden, um ihn zu überzeugen, dass er ihm nichts antun würde. Endlich wagte sich der Doktor aus dem Versteck. Der Ritter wartete noch einen Moment, bis Ulrich ganz ruhig wurde, und erklärte ihm den Grund seiner Mission. Als der Greis die Geschichte gehört hatte, sagte er: „Die Prinzessin Brunhilde fiel ins Koma, weil in ihrem Organismus ein komplizierter chemischer Prozess stattgefunden hat. Es gibt zum Glück eine Arznei, die sie aufwachen lässt: das Wünsche erfüllende Elixier. Wenn du es ihr verabreichst, wird die Prinzessin aus ihrem Traum erwachen.“ Doktor Ulrich gab Wilhelm ein kleines Fläschchen und warnte: „Achte darauf, weil die Portion nur für eine Person ausreichend ist.“ Der Ritter nahm das Medikament an sich, dankte schön dafür und machte sich auf den Rückweg.

Wilhelm war schon lange Zeit gewandert, als er in einen düsteren Wald kam. Dort hörte er ein Schluchzen. Auf einem Stein saß ein weinendes Mädchen. Der edle Ritter fragte, warum es weinte. Das Mädchen antwortete leise: „Ich verließ die Welt der Menschen und jetzt fühle ich mich sehr einsam“. Das Mädchen war nicht schön, sondern einfach nur durchschnittlich. Es war weder Prinzessin Brunhilde noch dem Rotkäppchen ähnlich. Trotzdem schlug das Herz des Mannes schneller und er entschied sich, dem Fräulein zu helfen. Ohne nachzudenken schenkte Wilhelm ihr das Elixier. Je länger das Mädchen davon trank, desto schöner wurde es. Der Ritter konnte sich nicht zurückhalten und küsste es. In diesem Moment widerfuhr etwas Unerwartetes: Es erschien ein graues Gespenst, das sagte: „Ich muss euch bestrafen, denn die wahre Liebe ist verboten!“

An der Stelle, wo einst das Liebespaar stand, steht heute ein mit Waldblumen bewachsenes Grab. Auf dem Grabstein steht die gemeißelte Inschrift: „Das Leben ist kein Märchen.“

DLS_Paulina_Paulina_LublinPaulina Radecka und Paulina Tarasek studieren gemeinsam Angewandte Linguistik an der Universität in Lublin, Polen.

Texte von Paulina Radecka aus Polen
Deutschlerner schreiben: literarische Texte

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