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Tatort Parkplatz – Wer ist der Täter? Eine Geschichte von Jameel Juratly

Ein Text aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben von Jameel Juratly

Jameel Juratly stammt aus Homs in Syrien. Seit Oktober 2015 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. In seinen Geschichten erzählt er von seinen Erlebnissen und Erinnerungen, von Flucht und Exil.
Jameel arbeitet seit einiger Zeit als Koordinator des Migranten-Eltern-Netzwerks Niedersachsen am Standort Oldenburg.

Ich denk lieber an die armen Frauen,
die täglich auf die Autos schauen
und sozusagen davon leben,
Knöllchen an Scheiben anzukleben!
Mit Recht, kannst du jetzt fragen:
„Was will der Jameel uns damit sagen?“
Im Grunde nichts! Nur das: Ich lasse
das Mühlespiel weg, weil ich es hasse!
Mühle und Knöllchen haben gemein:
Parkst du das Auto oder den Stein
falsch, nicht an der rechten Stelle,
folgt die Strafe ziemlich schnelle!

Jameel Juratly

Tatort Parkplatz

Ich werde euch ein Geheimnis verraten, nämlich dass ich im Sommer zum ersten Mal eine Strafe in Deutschland erhalten habe.

Da die Sommerferien begonnen hatten, bat mich mein Nesthäkchen, ihr ein „Mensch ärgere dich nicht“-Brettspiel zu kaufen. Meine Frau wollte mit mir in die Stadt fahren und einige Dinge für den Haushalt sowie einen Fleischwolf kaufen – Es gab ein für jeden Schnäppchenjäger verlockendes Angebot in der Zeitung.

In der Stadt versuchte ich, einen Parkplatz zu finden. Doch als ein parkendes Fahrzeug den Parkplatz verließ, nahm mir ein Mercedes den Parkplatz weg, obwohl ich bereits blinkend in Warteposition stand. Ich sage jetzt besser nichts mehr dazu, sonst verbrenne ich mir noch den Mund.

Mit Hängen und Würgen und Ach und Krach ergatterte ich dann doch noch einen Parkplatz. Am Parkautomaten zog ich einen Parkschein mit, so wie ich dachte, ausreichender Parkdauer – zwei Stunden sollten doch wirklich ausreichen.

In der Stadt bahnte ich mir einen Weg durch das Gedränge und fand schließlich ein Geschäft für Spielwaren. Der Verkäufer schwatzte mir nichts auf, er riet mir nur, ein anderes Brettspiel zu kaufen, weil das Ziel des „Mensch ärgere dich nicht“ sei, andere aus dem Rennen zu werfen, um zu gewinnen: „Sie sollten Ihrer Tochter nicht beibringen, den anderen einfach rauszuschmeißen oder rauszukicken!“ Er empfahl mir, ein anderes Spiel zu nehmen, wo man mit allen gemeinsam versucht, ein Ziel zu erreichen. Aber ich bestand darauf, genau das Spiel zu erwerben, welches meine Tochter sich gewünscht hatte. Und meine Frau kaufte noch ein Mühlespiel. Anschließend gingen wir zum Elektromarkt und kauften den Fleischwolf.

In der Luft lag der Kaffeeduft aus dem Café nebenan, als Lockvogel, der uns zum Kaffeetrinken verleiten wollte. Neben dem Eingang zum Café saß ein Straßenmusiker. Er spielte Geige und die Musik schwebte durch die Luft. Als wir an ihm vorbeikamen, verlangsamten wir unsere Schritte.

Meine Frau sprach über das Wetter und sagte, dass hier in Deutschland entweder Sauwetter sei oder eine Affenhitze herrsche. Ich versuchte, bei ihr gut Wetter zu machen: „Lass die Sau raus und mach kein Affentheater!“
„Immer versuchst du, deine Meinung zu geigen“, entgegnete meine Frau genervt.
„Ich glaube, ich habe es schon wieder vergeigt“, sagte ich daraufhin.
„Aber zu Kaffee und Kuchen kannst du mich überreden“, schlug meine Frau vor.

Nach dem Kaffee und einem Einkaufbummel sagte ich: „Jetzt müssen wir uns aber sputen!“
Obwohl wir mit jagendem Atem im Laufschritt zum Parkplatz geeilt waren, hatten wir 25 Minuten Verspätung. „So schnell schießen die Preußen nicht“, versuchte ich mich zu beruhigen, aber es klemmte doch tatsächlich schon ein Strafzettel an der Frontscheibe!

Tatort Parkplatz - Wer ist der Täter
Tatort Parkplatz (© Jameel Juratly)

Ich hatte mein erstes Knöllchen. “Da brat’ ich mir einen Storch!” Ich war stocksauer, dass da jetzt so ein Schein unter dem Scheibenwischer klemmte.
Und als mich meine Frau fragte, warum es eigentlich „Knöllchen“ heiße, hätte ich aus der Haut fahren können. „Also, du knüllst das Ding, das an der Windschutzscheibe hängt, zusammen und wirfst es weg. Dann liegt da ein Knöllchen. So einfach ist das!“
„Aber zahlen musst du trotzdem“, sagte meine Frau.
Ja, wie ein Fleischwolf das Fleisch fein zerkleinert, dreht und mahlt, so zerkleinert das Knöllchen unser Geld. Das war ein Schlag in den Magen, der nur schwer zu verdauen war.
Meine Frau lächelte, dankte Gott und sagte lachend: „Gott sei Dank, dass das kein Schlag unter die Gürtellinie war.“

Ich habe euch das Geheimnis verraten, dass ich an jenem Tag das erste Mal ein schonungsloses Knöllchen über 10 Euro in Deutschland erhalten hatte. Ich fühlte mich damals regelrecht durch den Fleischwolf gedreht.
Ich weiß natürlich, dass ein guter, integrierter Syrer Prioritäten setzen sollte und früher und vor allem ausreichend viele Münzen in einen Parkautomaten werfen sollte. Wenn ein Parkticket abgelaufen ist, ist es eben abgelaufen und das muss geahndet werden.

Was aber damals das Fass zum Überlaufen brachte, war das, was auf dem Knöllchen stand: „Tatort, Zeit, Tat-Vorwurf“. Ich stellte mir damals vor, der Täter in einer Tatortfolge zu sein. Vielleicht kommt meine Knöllchen-Geschichte ja tatsächlich an diesem Sonntagabend im Tatort: Dadda, dadda, da, da, da, da…
Und wer weiß, vielleicht findet der Kommissar eine Verbindung zwischen dem Fleischwolf, dem Brettspiel und dem Knöllchen?

Aber ich war doch sonst immer pünktlich und korrekt mit meinen Parkscheinen! Warum kommen sie nicht mal vorbei, um zu sagen, dass ich toll geparkt habe, oder um so einen Dankeschön-Zettel oder eine Blume mit einem Teddybären an der Windschutzscheibe anzubringen?

Ich will jetzt aber nicht den sterbenden Schwan spielen, ich werde einfach nur mit meiner kleinen Tochter „Mensch ärgere dich nicht“ spielen.


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