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Die Beziehung zwischen Glaube und religiösen Regeln – Lesetext ab B2

Ein Text von Miriam Turri aus der Reihe Deutschlerner aus aller Welt schreiben

Die Beziehung zwischen Glaube und religiösen Regeln

Die Chassidim, ich hatte sie so geliebt und nach jeder Information, die ich darüber finden konnte, gesucht, in einer Zeit, in der es Internet noch nicht gab.
Ich war fasziniert von dieser Gruppe, die sich fest an Gott hält, die die Gebote Gottes befolgt und sich bemüht, ein reines Leben zu führen. In der Welt der orthodoxen Juden ist der Lebenslauf stark geregelt und vorbestimmt. Genau das, vermute ich heute, zog mich damals an, weil es mir das Gefühl von Stabilität und Gleichgewicht gab.

Während der stürmischen Jugendjahre, als meine noch unreife emotionale Innenwelt wankte, suchte ich nach etwas, was mir Halt geben konnte. Ich glaube, dass mich damals genau diese Festigkeit, die nicht nur diese Gruppe, sondern auch andere ähnliche zu versprechen schienen, anzog.

Ich las Bücher von Martin Buber, Isaac Bashevis Singer und Abraham B. Jehoshua, ich war verrückt nach Klezmer-Musik und nach allem, was die jüdische Kultur betraf.

Als ich noch jünger war, ungefähr 14, war ich von den Holocaustberichten besessen. Ich durchsuchte Schulbücher nach Informationen über diese unmenschliche Katastrophe, schaute mir immer wieder Filme darüber an und fühlte mich deswegen ständig depressiv und leer. Als ich nach ein paar Jahren zum ersten Mal die Lieder meiner Schwester hörte, verliebte ich mich in die Klezmer-Musik und in die Geschichten, welche eine fröhliche, lebhafte Welt schilderten.

Mit 18 träumte ich davon, einen jungen, gutaussehenden, kultivierten Juden kennenzulernen, aber das blieb nur ein Traum. Ein unerfüllter Wunsch, den ich noch in mir trage.

Doch jetzt bin ich auf eine Doku des Senders Arte gestoßen, in der über Juden berichtet wird, die aus ihrer ultraorthodoxen, streng religiösen Gemeinschaft ausgestiegen sind. Das Leben, die Gefühle, die Erfahrungen dieser Menschen werden in diesem Film kurz, aber klar dargestellt. Und das hat mich sehr berührt, denn ich stelle mir seit einiger Zeit Fragen über die Beziehung zwischen Gott und der Religion.

Die Dokumentation erzählt von Menschen, die diese Vorbestimmung und diese massive Regelung des Lebens nicht mehr ertragen und alles verlassen haben, um ein neues Leben anzufangen, und das ausgerechnet in Deutschland. Einige von ihnen haben aufgehört, an Gott zu glauben, andere jedoch sind immer noch stark mit Gott verbunden, allerdings auf eine Weise, die sich nicht mehr so unterdrückerisch anfühlt.

Ich bewundere diese Menschen, die den Mut gehabt haben, ihr Leben zu ändern. Ich betrachte sie mit Respekt und teile ihrer Absicht, eine innere, aber gelassene Beziehung zu Gott aufzubauen.

Meine drei geliebten Welten treffen hier aufeinander und passen perfekt zusammen: Judentum, Deutschland und die ständige Notwendigkeit, eine befriedigende Beziehung zu Gott zu haben.

Akiva Weingarten ist in einer ultraorthodoxen Familie aufgewachsen und erst nach mehreren Jahren Ehe, in der drei Kinder geboren wurden, hat er sich entschieden, alles und alle zu verlassen und sich in Deutschland ein ganz anderes Leben aufzubauen. Er war stark depressiv, er konnte sich keinem Fenster nähern, ohne den Drang zu verspüren, sich hinauszustürzen.
Nach und nach gelang es ihm, mit seinem Leben zurechtzukommen, und er begann andere ehemaligen Ultraorthodoxe um sich zu scharen.

Zwei von ihnen sind Moshe Barnett und David Lamberger, die im Film ihre Erlebnisse und ihre Gefühle schildern. Sie versuchen, ihr Zusammenleben mit den Mitmenschen entsprechend ihren Neigungen zu gestalten, anstatt ständig nach dem angeblichen Willen Gottes zu handeln. Einige der Aussteiger versuchen, den Glauben an Gott und ein freieres Leben in Einklang zu bringen, andere haben völlig auf Gott verzichtet.

Heute stellt sich mir die Frage, wie viele dieser religiösen Regeln tatsächlich von Gott gefordert wurden und wie viele den menschlichen Deutungen entstammen.


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2 Kommentare

  1. Kalyani Madan sagt

    Danke!Ein sehr aktuelles, relevantes und bedeutendes Thema, das jeder von uns stoeren muss. Die Wesenheit des Gottes, das Konzept ist ganz unterschiedlich von den rligiosen Rgeln, die jede Menge Freiheit begrenzt. Ich denke an Licht, klare Luft und gruene Wiesen, schmerzlosigkeit, Freude und Dankbarkeit, wenn ich an Gott denkt.
    Ich komme aus Indien und es ist mir peinlich, wenn ich die Menschen sehe, die in ihrem Unbewusstsein ueber Gott, Religion und religiositaeten mit einander streiten sehe. Ritualen sind kein Gott.

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