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Polnische Eurowaisen – von Dagmara aus Lublin, Polen

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Polnische Eurowaisen

Die Arbeitsmigration der Polen hat vielfältige Folgen für unsere Gesellschaft. Am häufigsten spricht man aber von den Vorteilen, also in erster Linie von dem hohen Einkommen der Emigranten, das in die Heimat fließt.
Eine sehr negative Folge der Migration sind die verlassenen Kinder der Arbeitsmigranten. In Polen gibt es bereits einen Namen für die Kinder, die zurückbleiben, wenn die Eltern das Geld im Ausland verdienen. Sie werden „eurosieroty“, auf Deutsch Eurowaisen, genannt. Sie werden von ihren Eltern verlassen und deshalb sind sie keine Waisen im klassischen Sinn. Trotzdem erleben viele von ihnen ein ähnliches emotionelles Problem wie Kinder, deren Eltern gestorben sind.

Manche der Eurowaisen haben das zweifelhafte Glück, bei ihren Großeltern aufwachsen zu können. Zweifelhaft deshalb, weil viele dieser Großeltern schon sehr alt sind und oft nicht imstande sind, eine richtige Betreuung zu gewährleisten. Es geht hauptsächlich um psychische  Unterstützung. Sogar die jüngsten und liebevollsten Großeltern können die Kleinen nicht immer von der Sehnsucht nach ihren eigenen Eltern ablenken. Die Großmütter und Großväter sind mit der Erziehung schnell überfordert.
Die Kinder, die keine Verwandten haben, landen bei Nachbarn, Freunden oder in überfüllten Heimen. Ältere Kinder und Jugendliche – aber auch jüngere Kinder in Fällen, wo noch ältere Geschwister vorhanden sind – bleiben auch nicht selten sich selbst überlassen. Wenn die Migranten ihrem Nachwuchs dann ihre Einnahmen schicken und den Unterhalt der ganzen Familie finanzieren, meinen viele, dass alles in Ordnung ist und die Migranten für die Verwandten sorgen.

Nicht alle Eltern, die ihre Nachkommenschaft in den armen Ost-EU-Ländern zurücklassen, um in Regionen Westeuropas zu arbeiten, tun dies legal. Das erschwert die Kontakte mit den Kindern, die in der Heimat zurückgeblieben sind, denn wenn jemand der auf einem gnadelosen Schwarzmarkt im Ausland Arbeitenden einmal in die Heimat reist, um dort seine Verwandten zu sehen, kommt er womöglich nicht wieder in das Land hinein, in dem sein Arbeitsplatz die Existenz sichert. Zu Hause warten die Kinder auf eine Rückkehr, die nie stattfindet.

Es drängt sich hier die Frage auf, warum die Eltern ihre Kinder in der Heimat zurücklassen, statt sie mit sich ins Ausland zu nehmen? Die Migranten begründen diese Entscheidung am häufigsten mit zwei Argumenten. Erstens sagen sie, dass sie nicht lange im Ausland bleiben werden, nur ein bisschen Geld verdienen und bald zurückkehren werden, und es daher keinen Sinn hat, dass die Kinder ihre vertraute Umgebung verlassen müssen. Das andere Argument ist, dass eine Abreise nur gewerbsmäßigen Charakter hat und man im Ausland keine Zeit für die Kinderbetreuung haben wird.

Laut Psychologen hat das elternlose Aufwachsen aber viel ungünstigere Folgen für die psychosoziale Entwicklung der Kinder als zum Beispiel ein Wechsel des Wohnortes. Die Pädagogen berichten, dass immer häufiger Probleme mit Euroweisen auftreten. Diese Kinder schwänzen sehr oft die Schule, vernachlässigen ihre Schulpflichten, sind in der Beziehung zu Gleichaltrigen manchmal aggressiv. Sie können nicht mit der Situation, in der sie sich befinden, zurechtkommen.
Was fühlen die von ihren Eltern verlassenen Kinder? Mit Sicherheit meinen sie, dass sie ungewollt, ungeliebt und sich selbst überlassen sind. Instabile Psyche, Aggressivität, niedrige Selbstschätzung, Argwohn und Schwierigkeiten in Kontakten mit Altersgenossen sind nur einige Konsequenzen des Zurücklassens der Nachkommenschaft in der Heimat.
Anfangs, wenn der Vater oder die Mutter noch oft zu Hause anruft und ihren Nachkömmlingen viel Geld und Geschenke schickt, scheint alles in Ordnung zu sein. Die Kleinen freuen sich über neue Spielzeuge, Jugendliche über Computer, Mp4- Player oder teure Autos. Sie können sich durch neue Kleidung von ihren Altersgenossen abheben und dadurch fühlen sie sich besser. Mit der Zeit ändert sich diese schöne Situation und schlägt manchmal ins Gegenteil um. Die Anrufe werden immer seltener und die Eltern schicken nicht mehr so oft Briefe und Geschenke. Manchmal bricht der Kontakt oft völlig ab. Dann beginnt ein wahres Trauma für die Kinder. Sie leiden unter vielfältigen psychischen Störungen, wie z. B. Neurosen und Depressionen. Manchmal versuchen sie sogar, Selbstmord zu begehen. Zurückgelassene Kinder geraten sehr oft mit dem Gesetz in Konflikt. Die Gerichte müssen immer häufiger die Entscheidung treffen, ob so ein Kind in einer Ersatzfamilie oder in einem Waisenhaus unterbringen.

Die Abwesenheit der Eltern bringt auch bürokratische, aber schwerwiegende Folgen mit sich. Oft vergessen die Erziehungsberechtigten, eine rechtlich verantwortliche Person, einen Vormund, für die Kinder zu benennen. Wenn das Kind einen Unfall hat, operiert werden muss oder auch nur eine Unterschrift für die Teilnahme an einem Ferienlager braucht, ist niemand da, der dazu berechtigt wäre.

Es ist klar, dass es im Falle einer notwendigen Emigration am besten wäre, wenn die Eltern ihre Kinder mit sich ins Ausland nähmen. Aber was sollen die Eltern machen, wenn es keine Möglichkeit dazu gibt?
In Lublin ist vor Kurzem der erste Ratgeber für Eltern, die im Ausland arbeiten und ihre Kinder zu Hause zurückgelassen haben, erschienen. Im Internet können die Eltern zum Beispiel über die Notwendigkeit der Benennung einer rechtlich verantwortlichen Person für die Betreuung der Kinder lesen. Wenn dies nicht geschieht, könnte der Familienrichter das elterliche Sorgerecht einschränken oder gar entziehen.

Abschließend möchte ich sagen, dass, bevor die Eltern sich zu einen längerfristigen Aufenthalt im Ausland entschließen, sie genau überlegen sollten, welche Folgen ihre Entscheidung für ihre Kinder haben kann. Das Elternpaar oder der Elternteil sollte darüber nachdenken, was wichtiger ist, das Geld oder das Glück der Kinder. Außerdem sollten die Erziehungsberechtigten sich bewusst machen, dass sie das Leben ihrer Kinder zerstören können, anstatt ihnen das Leben angenehmer zu machen, weil keine Geschenke und kein Geld die Eltern ersetzen können.

DLS_Dagmara_Lublin_PolenDagmara Sikora kommt aus Polen. Sie lebt in Lublin, wo sie an der Universität Angewandte Linguistik studiert.

Texte von Dagmara Sikora aus Polen
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