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Kraft der Freundschaft – Erzählung von Maria Kulik aus Lublin, Polen

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Kraft der Freundschaft

Am Rand des dichten Laubwaldes, etwa sieben Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, auf den beiden Seiten des schon längst von der Welt vergessenen Feldwegs standen zwei Ziegelhäuser. In einem wohnte ein kleiner Junge mit seinem Vater, das zweite Haus dagegen wurde von einem kleinen Mädchen, seinem Vater und seiner Großmutter bewohnt.

Da sie die einzigen Kinder im ganzen Umkreis waren, wollten Jens und Katja miteinander spielen. Aber, wie es häufig passiert, erlaubte der Vater des Jungen, Klaus, seinem Sohn nicht, sich mit dem Mädchen zu treffen, weil ihn der Vater von Katja einmal  zutiefst verletzt hatte.
Nur die Oma des Mädchens stand den Kindern zur Seite. Wenn Klaus zur Arbeit fuhr, trafen sich die Sechsjährigen Tag für Tag im Haus von Katja. Den ganzen Tag konnten sie sich sorgenfrei amüsieren, denn die Oma behielt sie im Auge. Bald liefen sie, bald schlenderten sie. Mal zeichneten sie, mal malten sie. Nie waren sie ohne Ideen, die Zeit spaßhaft zu verbringen. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Und täglich verabschiedeten sie sich voneinander um 18.00 Uhr, kurz bevor der Vater von Jens von der Arbeit zurückkam.

„Wie war es, mein Sohn? Was hast du heute gemacht?”, fragte Klaus Jens, der fernsah.
„Nichts Besonderes, Papa, wie immer…”
„Du bist doch nirgendwohin gegangen, oder?”
„Natürlich nicht, Papa. Das Haus habe ich nicht verlassen”, belog der Kleine täglich seinen Vater.

Zwar hasste er es zu lügen, aber sag doch du, lieber Leser: Was blieb ihm anderes übrig? Das war der einzige Ausweg.

Eines Tages liefen gerade Katja und Jens miteinander um die Wette, wie immer im Haus des Mädchens, laut dabei lachend, als es plötzlich an der Tür klingelte. Die Kinder öffneten die Tür und sie konnten ihren Augen nicht trauen. Der Vater von Jens kam früher von der Arbeit zurück!

„Ach, so! Du bist hier, du Halbstarker! Mit diesen Verrätern! Dein Lachen ist überall zu hören! Komm sofort nach Hause!”
„Aber Papa! Das ist meine Freundin!”, rief der erschrockene Junge.
„Was? Hast du schon vergessen, was sie uns angetan haben? Ich habe dir tausendmal gesagt, dass du keinen Fuß mehr über ihre Schwelle setzen darfst!”, schrie Klaus, seinen Sohn am Ärmel ziehend. „Was für eine Schande! Ich arbeite, damit ich dir ein anständiges Leben gewährleisten kann. Ich bin überlastet, aber ich mache Überstunden… Und was machst du? Du hängst unverschämt mit diesem Mädchen herum!”
„Es gibt doch hier keine anderen Kinder! Soll ich den ganzen Tag in den blöden Flimmerkasten gucken?”
„Hau ab! Ab morgen wirst du solche Probleme nicht mehr haben, du wirst in deinem Zimmer eingeschlossen, bis ich von der Arbeit zurückkomme! Und vielleicht verschwinden so endlich alle Flausen aus deinem dummen Kopf!”, schrie Klaus aus vollem Hals.

In dieser Nacht konnten zwei Kinderseelen gar nicht einschlafen. Nachdem Klaus seinen Sohn in dessen Zimmer eingeschlossen hatte, saß er auf dem Sofa und dachte: ,,Wenn du, liebe Louise, hier wärest!” Er lehnte den Kopf an das weiche Kissen. Seine Lider wurden immer schwerer und die Erinnerungen kamen zu ihm zurück:

„Weißt du was, Klaus? Inge hat mich eingeladen, mit ihr auf den Hochberg zu klettern. Ich glaube, das ist eine gute Idee.”
„Wie bitte? Das ist sehr gefährlich. Der Hochberg ist doch einer der höchsten Berge im ganzen Umkreis, und du bist niemals geklettert!”
„Ich weiß, mein Lieber, aber Inge hat mich so sehr darum gebeten. Ich kann ihr nicht absagen.”
„Ich dränge darauf, dass du nicht kletterst.”
„Es werden nur ein paar Stunden sein, bitte! Das muntert mich auf.”
„Okay, Louise, ich halte dich nicht auf, aber pass auf!”
„Du bist lieb, mein Klaus! Bis bald! Tschüss, Jens!”

Die nächsten Tage waren für Jens und Katja nicht zu ertragen. Der Junge saß im verschlossenen Zimmer und schaute aus dem Fenster auf die trübe Herbstlandschaft. Katja lag auf ihrem Bett und dachte an ihren Freund: ,,Wenn sich wenigstens die Fenster unserer Zimmer gegenüberlägen!” Sogar die von der Oma vorbereiteten süßen Gebäcke schmeckten ihr nicht mehr.

Es fing an, zu regnen, als Klaus ein paar Wochen später mit dem Auto von der Arbeit zurückkam. Vor seinem Haus sah er die Oma und den Vater von Katja.

„Gott sei Dank, dass Sie schon zurückgekommen sind! Ich hatte einige Stunden geschlafen. Als ich aufgewacht bin, merkten wir, dass Katja nicht im Haus war. Vielleicht ist sie zu Ihrem Sohn gegangen. Sie sind doch gute Freunde”, erzählte die aufgeregte Frau, während die Regentropfen immer größer wurden.

Klaus antwortete nichts, betrat sein Haus schweigend – die Oma mit ihrem Sohn folgten ihm -, öffnete das Zimmer von Jens und hielt den Atem an… Vom Schreibtischbein bis zum weit offenen Fenster reichte ein dickes schneeweißes Lakenseil. Alle näherten sich dem Fenster. Das Lakenseil verschwand in der  Dunkelheit des kalten Herbstabends.

„Das ist alles eure Schuld! Zuerst nahmt ihr mir meine Ehefrau und jetzt nehmt ihr mir meinen einzigen Sohn!”, schrie der verzweifelte Klaus.
„Das ist niemandes Schuld, dass es damals dort oben ein Schneegestöber gab!”, antwortete der Vater von Katja.
„Aber wenn deine Frau damals meine Louise nicht auf den Hochberg mitgenommen hätte, würde sie weiterhin leben!”
„Hör mir zu, Klaus! Auch ich habe damals meine Frau verloren, aber ich habe mich damit abgefunden. Das musste offenbar passieren.”
„Nein! Jetzt hör mir zu…”
„Hört auf, euch zu streiten”, fiel ihm die Oma ins Wort. „Ihr müsst eure Kräfte vereinen, um die Kinder zu finden, bevor es ganz dunkel wird. Und vergesst die Taschenlampen nicht!”

Und sie gingen voller Hoffnung in den Regen und die Kälte. Mühsam durchsuchten sie den dichten Laubwald, abwechselnd ,,Katja!” und ,,Jens!” rufend. Die Nervosität wuchs ständig, während die Stunden verstrichen, eine nach der anderen…

Die Rettungsaktion verlief erfolgreich und ein paar Tage später trafen sich alle im Haus von Klaus und Jens. Sie saßen am hübschen Kamin beisammen und aßen die köstlichen Gebäcke der Oma.

„Aber sagt uns: Warum seid ihr genau dorthin gegangen? Ihr wisst doch, dass der Hochberg ein sehr gefährlicher Berg ist. Wisst ihr überhaupt, was euch hätte zustoßen können?”, fragte Klaus die Kinder.
„Ja, Papa, das wissen wir. Wir dachten aber, dass du, wenn wir diesen Berg besteigen, damit aufhörst, die Familie von Katja zu hassen”, erwiderte Jens seinem Vater schüchtern.
„Ja. Als wie kletterten, fing es an, stark zu regnen. Deshalb haben wir uns entschieden, zurückzukehren. Unsere Taschenlampe ist leider ausgefallen und es wurde immer dunkler… Wir versteckten uns in einer Felsspalte”, fügte Katja hinzu.
„Das war sehr vernünftig von euch”, stellte ihr Vater fest.
„Wir möchten uns herzlich bei Ihnen für die Einladung bedanken, Klaus”, sagte die Oma.
„Es ist mir eine Ehre, Sie in meinem Haus willkommen heißen zu dürfen! Ab heute können Sie uns besuchen, wann immer Sie wollen. Und ihr, liebe Kinder, könnt miteinander spielen, wann immer ihr Lust dazu habt. Ich verbiete das jetzt nicht mehr!”
„Hurra!”, riefen die Sechsjährigen, und die Erwachsenen lächelten.

Mit einem freundlichen Händedruck begann eine neue Etappe im Leben der Bewohner des Laubwaldrands. Die wahre Freundschaft zweier unschuldiger Seelen hatte alle Streitigkeiten besiegt.

DLS_Maria_Lublin_PolenMaria Kulik kommt aus der Stadt Lublin im Osten Polens. Dort studiert sie an der Universität Angewandte Linguistik.

Texte von Maria Kulik aus Polen
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